Jazzpodium Sep/2012

Gee Hye Lee Trio

 

Zunächst mal: Herzlichen Glückwunsch zum Landesjazzpreis 2012. Es wäre schön, wenn er dafür sorgen würde, Sie auch außerhalb des Großraums Stuttgart, in dem Sie eine hohe Präsenz haben, noch bekannter zu machen, Haben Sie selbst diese Erwartung?

Ich würde mich sehr freuen, wenn ich mit meiner Band häufiger auch außerhalb der Region spielen könnte. Ich habe auch bereits einige Anfragen erhalten. Der Preis ist eine Möglichkeit, etwas bekannter zu werdeb, wie allein schon die vielen Presseartikel zeigen. Aber Erwartungen… ich weiß nicht.

Spielt die südkoreanische Kultur in Ihrer Musik eine Rolle?

Weniger. Wenn ich ehrlich bin: eigentliche gar nicht. Leider

Sie wurde klassisch ausgebildet und waren als Kind und jugendliche bereits sehr erfolgreich. Was hat Ihnen der Wechsel zum Jazz gegeben und was haben Sie vielleicht auch dadurch verloren?

Verloren habe ich nichts, glaube ich. Zumindest habe ich deutlich mehr bekommen. Ich habe früher zwar klassisches Klavier gespielt, habe aber die Musik nicht wirklich verstanden als Kind. Ich habe das gerne gespielt, aber es war sehr viel Druck da und deshalb habe ich nie wirklich eine tiefe Freude am Spielen gefunden. Der Jazz war für mich, das klingt jetzt etwas pathetisch, eine Befreiung, weil es die Abkehr von der vermeintlich perfekten Musikwelt war. Ich habe zwar schon sehr früh auch Jazz gehört, aber gar nicht registriert, dass es sich dabei um improvisierte Musik handelt. Der Begriff Spontanität war in meiner musikalischen Welt gar nicht bekannt. Als ich mich dann selbst mit dem Jazz beschäftigt habe, hatte ich plötzlich viel mehr Freude am Spielen.

Fiel Ihnen der Schritt schwer?

Ja, sehr schwer. Ich fühle mich zum Beispiel bis heute wohler, wenn ich Noten vor mir habe, obwohl ich die Stücke, die ich spiele, auswendig kann, und obwohl ich auch die klassischen Stücken früher immer auswendig gespielt habe. Aber man lernt natürlich zunächst mit Noten. Als ich dann Jazzklavier-Unterricht hatte, habe ich meinen Lehrer in der Anfangszeit immer gefragt “Und? Was soll ich denn jetzt machen?” Und er sagte: “Improvisieren.” Und ich fragte mich nur: “Ja wie denn?” Wenn ich selbst heute Schüler unterrichte und sie einfach anfangen zu improvisieren, dann finde ich das immer noch großartig, dass sie so mutig sind und einfach drauf los spielen. Ich habe dafür sehr lange gebraucht, auch für andere Dinge wie die speziellen Voicings.

Sie formulieren Ihre Töne sehr schön. Es ist eine für den Jazz nicht unbedingt üblich extrem klangliche Differenziertheit hörbar. Ein Erbe der Klassik-Phase?

Absolut. Ja. Obwohl ich damit ganz sicher nicht sagen will, dass Jazzpianisten klassisch ausgebildet sein sollten. Nein. Aber es bietet zumindest mir interessante Möglichkeiten der Ergänzung. Mir hat es vielleicht insofern geholfen, dass ich gerade in der schwierigen Anfangsphasen weniger auf die Technik achten musste und mich drauf konzentrieren konnte, wie ich spontan Ideen entwickeln und umsetzen kann. Aber auch umgekehrt ist es interessant. Wenn ich früher Klassik gehört habe, dann habe ich mir nie Gedanken über das Arrangement gemacht. Es war eben einfach so geschrieben. Wenn ich heute Klassik höre, bin ich gerade von den Arrangements total fasziniert, weil ich sie sozusagen mit Jazzohren höre und die Struktur dadurch plötzlich besser verstehen kann.

Es klingt wie ein asiatisches Klischee, aber Sie wirken auf mich sehr bescheiden und ungewöhnlich respektvoll. Denken Sie, dass sich diese Attribute auch in Ihrer Musik wiederfinden?

In meiner Musik? Hm. Gute Frage. Mir wurde in der Tat des Öfteren gesagt, dass ich eine gewisse Bescheidenheit habe, Das ist vielleicht wirklich ein kulturelles Erbe. Aber mir ist es schon wichtig, dass dieser Zug nicht dazu führt, dass meine Musik etwas Schüchternes bekommt.

Vielleicht trifft es Demut oder Respekt besser?

Ja, das kann sein. Doch, ich glaube, das passt. Ich merke an mir immer wieder: Wenn ich Musik mache, möchte ich Musik machen, ich möchte nicht irgendwo im Vordergrund stehen und vorführen, was ich kann, Das entspricht mir nicht. Es geht wirklich nur um die Musik.

Ihre Musik arbeitet sehr stark mit Stimmungen. Visualisieren Sie Ihre Musik eigentlich beim Spielen?

Nein, eigentlich nicht. Aber ich freue mich, dass Sie das so empfinden. Wirklich. Ich habe eine Vorstellung und ich möchte, dass sie beim Publikum auch möglichst so ankommt. Insbesondere innerhalb der Band passiert vieles einfach dadurch, dass man sich gut kennt und schätzt.

Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass ihr aktuelles Trio mit Jens Loh und Sebastian Merk ein langlebiges Projekt wird?

Zumindest wünsche ich mir das sehr. Es ist eine Band, die sich nicht nur in der Musik, sondern auch Privat sehr gut versteht. Es ist ein Glück, mit diesen beiden spielen zu können. Ich bin total happy und hoffe, dass sie gerne mit mir weiterarbeiten möchten.

Ihr neues, drittes Album “Lights” ist gerade erschienen. Die Stückauswahl ist gerade vor dem Hintergrund dieses Titels sehr interessant. Als Komponist ist neben Ihnen ein blinder Musiker, Stevie Wonder, mit einem Titel vertreten, und einem jung und tragisch Verstorbenen, Esbjörn Svensson, widmen Sie ein Stück.

Im Grunde habe ich mir diese Platte selbst geschenkt. Der Rest erklärt sich ganz einfach: Stevie Wonder ist mein Lieblingssänger und ich verbinde mit dem Stück einige persönliche Erinnerungen. Esbjörn Svenssons Musik habe ich immer bewundert. Ich wollte ihm dieses Stück einfach posthum zum Geschenk machen..

Die Platte ist eine interessante Verbindung von melodiösem Modern Jazz und dezent im Hintergrund mitschwingenden Pop-Elementen, die den Kompositionen eine Leichtigkeit verleihen, die aber in keinem Fall zu Lasten der Tiefe geht. Dadurch bekommt man einen sehr leichten Zugang.

Genau so wollte ich es haben. Ich bin glücklich, dass man das hört. Aber es fällt mir schwer, darüber zu reden. Ich finde, es gibt in meiner Musik eigentlich gar nichts, worüber man ausgiebig sprechen kann. Meine Musik und mein Spiel selbst sind eigentlich sehr wenig “theoretisch”. Da gibt es kein vordergründiges Konzept. Ich mag einfach, wenn es schön klingt.

 

Volker Doberstein